Drei Lederstühle an einem langen Holztisch, Sinnbild für die zwei Parteien und den Mediator am selben Tisch.
8 Min Lesezeit1. August 2026

Warum Unternehmer lieber vor Gericht gehen als zu schlichten, und was Mediation stattdessen kann

Ein Unternehmer wollte einen Bereichsleiter loswerden. Die Zusammenarbeit passte seit Langem nicht mehr. Geredet wurde darüber nie. Am Ende lag die Kündigung auf dem Tisch. Dann kamen Anwälte, ein Gericht, eine gespaltene Belegschaft. „Besser, das Gericht entscheidet, dann habe ich recht", sagte er mir damals. Die Abfindung war am Ende ungefähr dieselbe, die eine Mediation auch gebracht hätte. Nur ohne die verbrannte Erde. Dieser Fall war mein Anlass, Mediatorin zu werden.

Quick Answer

Unternehmer:innen wählen den Rechtsweg oft nicht, weil er der wirksamste Weg ist, sondern weil er der bequemste ist: Ein Gericht nimmt ihnen die Verantwortung ab, selbst eine Lösung zu finden, und erlaubt, im Recht zu sein statt im Gespräch zu bleiben. Mediation macht das Gegenteil. Sie gibt die Verantwortung zurück. Sie erarbeitet die Lösung schrittweise und auf Augenhöhe. Und sie erhält die Beziehung, die ein Urteil zwangsläufig beschädigt. In Familienunternehmen bleiben die Konfliktparteien nach dem Streit weiter Gesellschafter, Geschwister oder Eltern und Kind. Dann ist Mediation meist der einzige Weg, der Unternehmen und Verhältnis rettet.

Warum lassen Unternehmer es so oft auf ein Gericht ankommen?

Weil ein Gerichtsverfahren, so paradox das klingt, weniger von dir verlangt als ein Schlichtungsgespräch. Ich sehe in meiner Arbeit immer wieder dieselben vier Muster:

1. Das Urteil nimmt die Verantwortung ab. Wer klagt, muss die Lösung nicht selbst finden. Er delegiert sie an eine dritte Instanz. Das ist entlastend. Am Ende hat jemand anders entschieden, und man kann sagen: „Ich habe alles versucht, das Gericht hat so geurteilt." Mediation lässt diese Ausrede nicht zu. Hier findest du die Lösung selbst. Das ist anstrengender.

2. „Im Recht sein" fühlt sich sicherer an als „im Gespräch bleiben". Gerade Menschen, die ein Unternehmen aufgebaut haben, sind es gewohnt, Positionen zu vertreten und durchzusetzen. Ein Konflikt wird dann zur Beweisführung: Wer hat welche Zusage gemacht, wer welchen Vertrag gebrochen. Recht ist eindeutig. Beziehung ist es nie. Der Rückzug auf die Rechtslage ist ein Rückzug ins Eindeutige.

3. Konfliktvermeidung sieht aus wie Konfliktlösung. Solange Anwälte Schriftsätze austauschen, hat man das Gefühl, es „passiert etwas". In Wahrheit passiert das Gegenteil: Die Parteien reden nicht mehr direkt, sondern nur noch über Vertreter. Der Konflikt wird nicht bearbeitet. Er wird ausgelagert und vertieft sich dabei.

4. Der erste Schritt fehlt. Viele Inhaber:innen wüssten gar nicht, wen sie anrufen sollten, um einen Konflikt aktiv anzugehen. Einen Anwalt zu finden ist einfach. Den kennt jeder. Eine neutrale Vermittlung zu holen, ist ungewohnt. Und so wird der bekannte Weg gewählt, nicht der bessere.

Der Kern hinter allen vier Mustern ist derselbe: Der Gang vor Gericht ist die Entscheidung, nicht mehr entscheiden zu müssen. Er fühlt sich aktiv an, „ich klage jetzt". Im Grunde ist er aber eine Übergabe.

Was ist Mediation, und was unterscheidet sie vom Rechtsweg?

Mediation ist ein strukturiertes Verfahren. Eine allparteiliche, neutrale dritte Person begleitet die Konfliktparteien dabei, selbst eine tragfähige Lösung zu erarbeiten. Sie urteilt nicht. Sie ergreift keine Partei. Sie zwingt keine Entscheidung von außen auf. Die Mediatorin entscheidet nichts. Sie sorgt dafür, dass wieder gesprochen werden kann.

Der Unterschied zum Gericht ist nicht graduell, sondern grundsätzlich:

GerichtsverfahrenMediation
Wer entscheidet?Ein:e Richter:in von außenDie Parteien selbst
GrundlageRecht, Anspruch, BeweislageInteressen, Bedürfnisse, Zukunft
ErgebnisGewinner und VerliererGemeinsam getragene Lösung
Beziehung danachmeist beschädigt, oft zerstörtZiel: erhalten oder repariert
Öffentlichkeitgrundsätzlich öffentlichvertraulich
TempoJahre möglichWochen bis wenige Monate
KostenAnwälte, Gutachten, InstanzenBruchteil davon
Kontrollegibst du abbehältst du

Der wichtigste Unterschied steht in der vorletzten Zeile: die Kontrolle. Vor Gericht gibst du die Entscheidung über deine eigene Zukunft ab. An einen Menschen, der weder dich noch dein Unternehmen kennt. Er muss nach Aktenlage entscheiden, nicht nach dem, was für alle Beteiligten tragfähig wäre. In der Mediation behältst du diese Kontrolle. Sie ist anstrengender zu tragen. Aber sie bleibt bei dir.

Der Fall, der mich zur Mediatorin gemacht hat

Ich erzähle dir den Fall, der für mich alles verändert hat. Weil er zeigt, was auf dem Spiel steht.

Ein Unternehmer wollte sich von einem Bereichsleiter trennen, einer Führungskraft. Die Zusammenarbeit passte schon seit Längerem nicht mehr. Nur: Darüber gesprochen wurde nie. Stattdessen passierte, was in solchen Situationen fast immer passiert. Man fängt an, Fehlverhalten zu suchen. Was läuft nicht gut? Wo hat er einen Fehler gemacht? Was kann man ihm ankreiden? Die Person wird angegangen. Die eigentliche Frage kommt nie auf den Tisch: Wir passen nicht mehr zusammen. Wie lösen wir das fair?

Statt eines Gesprächs lag am Ende die Kündigung auf dem Tisch. Der Bereichsleiter war überrascht und enttäuscht. Und er reichte eine Kündigungsschutzklage ein, wie es dann selbstverständlich kommt. Von da an ging es den ganzen Prozessweg. Anwälte. Ein Gericht, das „Recht" sprechen musste. Über Abfindung, über Rahmenbedingungen, über alles.

Und dann passierte, was der Unternehmer nicht auf der Rechnung hatte. Die Stimmung kippte in der Belegschaft. Es bildeten sich Lager. Es entstand Unsicherheit: Bin ich der Nächste? Ein Konflikt zwischen zwei Menschen war zu einem Klima im ganzen Unternehmen geworden.

Der Unternehmer sagte damals einen Satz zu mir, den ich nie vergessen habe: „Besser, das Gericht entscheidet, dann habe ich recht."

Am Ende war das Urteil da. Und meiner Einschätzung nach lagen Abfindung und Rahmenbedingungen genau dort, wo eine Mediation sie auch hingebracht hätte. Vielleicht sogar etwas niedriger. Nur: Die Trennung wäre auf Augenhöhe gelaufen. Der Mensch wäre nicht degradiert worden. Die Mitarbeitenden wären nie mit hineingezogen worden. Recht hatte er am Ende. Bezahlt hat er mit dem Klima seines eigenen Hauses.

Dieser Fall war mein Anlass, eine Mediationsausbildung zu machen. Ich wollte einen anderen Weg anbieten können als den, den ich dort miterlebt hatte.

Und ich habe seither erlebt, dass ähnliche Konstellationen in einer Mediation zu guten Vereinbarungen kommen. Trennungen, bei denen der Mensch nicht degradiert wird. Bei denen beide Seiten den Raum aufrecht verlassen. Ehrlich bleibt aber auch: Nicht jeder Unternehmer wollte sich darauf einlassen. Genau das ist der Punkt, um den es mir geht.

Das ist der Unterschied, den ich meine. Ein Urteil beendet einen Streit. Eine Mediation löst ihn.

Aber ist Mediation nicht etwas für Menschen, die zu weich für den Konflikt sind?

Das ist der häufigste Einwand, den ich höre. Und er ist genau falsch herum gedacht. Sich einem Gerichtsverfahren zu überlassen, bei dem ein Dritter entscheidet, ist der weichere Weg. Sich in einen Raum zu setzen, dem Menschen gegenüber, mit dem man im Streit liegt, und selbst um eine Lösung zu ringen: Das erfordert mehr Rückgrat, nicht weniger.

Mediation ist kein Kuschelkurs. Sie ist unbequem. In einer guten Mediation wird gesagt, was jahrelang nicht gesagt wurde. Es fließen Tränen. Es fällt auch mal ein lautes Wort. Der Unterschied zum Gericht ist nicht, dass es sanfter zugeht. Sondern dass am Ende beide Seiten mit erhobenem Kopf herausgehen können. Statt dass einer gewinnt und einer verliert.

Für Familienunternehmen kommt ein Argument dazu, das im normalen Wirtschaftskonflikt fehlt: Die Konfliktparteien bleiben verbunden. Zwei Firmen, die vor Gericht streiten, können danach getrennte Wege gehen. Zwei Geschwister aber nicht. Ein Vater und eine Tochter nicht. Zwei Gesellschafter derselben Familie nicht. Die sitzen an Weihnachten wieder am selben Tisch. Ein Urteil, das den einen zum Verlierer macht, sitzt dort mit am Tisch. Für Jahrzehnte.

Wann ist Mediation sinnvoll, und wann nicht?

Ehrlich bleiben gehört dazu: Mediation ist kein Allheilmittel.

Sinnvoll ist sie, wenn:

  • die Parteien nach dem Konflikt weiter miteinander zu tun haben (Gesellschafter, Familie, Nachfolge),
  • beide grundsätzlich bereit sind, an einer Lösung mitzuwirken, auch widerwillig,
  • es nicht nur um Geld geht, sondern auch um Anerkennung, Rollen, Zukunft,
  • die Sache noch nicht vollständig eskaliert ist (aber auch nach dem Kipppunkt lohnt der Versuch fast immer).

Sie stößt an Grenzen, wenn:

  • eine Seite die Mediation nur nutzt, um Zeit zu gewinnen,
  • ein klares Machtungleichgewicht besteht, das sich nicht ausgleichen lässt,
  • es tatsächlich nur um eine reine Rechtsfrage geht, an der keine Beziehung hängt.

Das Entscheidende: Diese Einschätzung musst du nicht allein treffen. Genau dafür gibt es das Vorgespräch.

Was ist der erste Schritt, wenn ich es mit Mediation versuchen will?

Nicht: „alle an einen Tisch holen". Das ist meist der übernächste Schritt und wird zu früh versucht.

Der erste Schritt ist ein vertrauliches Vorgespräch. Allein, ohne die andere Konfliktpartei. Darin sortierst du zunächst für dich selbst: Worum geht es wirklich? Was brauchst du, damit eine Lösung tragfähig wäre? Ist der Konflikt überhaupt mediationsgeeignet? Oder braucht es (auch) juristischen Rat? Erst danach entscheidet sich, ob und wie eine gemeinsame Mediation aufgesetzt wird.

Dieses Vorgespräch verpflichtet zu nichts. Es kostet dich ein Telefonat oder eine einzige Sitzung. Und es ist der Punkt, an dem sich zeigt, ob der Streit in Wochen lösbar wäre. Der Streit, der dich vielleicht schon Monate kostet.

Der teuerste Konflikt ist immer der, den man aussitzt, bis nur noch das Gericht bleibt. Der günstigste ist der, den man früh genug an einen Tisch bringt. An einen Tisch, an dem noch gesprochen werden kann.

Und ja, den anderen Weg zu gehen verlangt Mut. Es ist einfacher, recht haben zu wollen, als verstehen zu wollen. Aber der Satz „Besser, das Gericht entscheidet, dann habe ich recht" hat noch kein Unternehmen stärker gemacht. Konfliktlösung mal anders heißt: die Verantwortung nicht abgeben, sondern sie tragen. Und dabei die Menschen behalten, mit denen man weiterarbeiten will.

Wenn du gerade einen solchen Konflikt mit dir herumträgst: Lass ihn uns einmal in Ruhe sortieren, bevor du entscheidest, welchen Weg du gehst. Das ist noch keine Mediation. Es ist nur der erste ehrliche Blick darauf, ob sie dir den Gerichtssaal ersparen könnte.